Kapitel 30. Das unabänderliche Dogma und die Ingenieurskunst der Fragmentierung

1. Die Interaktionskräfte in der DNA und die biochemischen Vermittler

Um die Pathologie des zeitgenössischen Westens zu verstehen, müssen wir eine scharfe Trennlinie ziehen zwischen dem, was eine natürliche Grenze ist (in unserer Biologie und in der Physik festgeschrieben), und dem, was eine künstliche Grenze ist (vom Recht zum Zwecke der Herrschaft geschaffen).

Die Regeln für die Interaktion des menschlichen Wesens mit der Welt erlernt man nicht nur in der Schule: Sie sind rigoros in unserer DNA kodiert und werden von der Physik beherrscht. In der Umweltdomäne werden unsere Handlungen ständig durch physikalische “Kräfte” vermittelt. Wenn wir uns beispielsweise entschließen, eine Treppe hinaufzusteigen, fungiert die Schwerkraft als unausweichlicher Vermittler: Sie zwingt uns, einen gleichen und entgegengesetzten muskulären Schub auszuüben, um vorwärtszukommen. Wir können sie nicht ignorieren. Auf biologischer Ebene verbrennen wir uns, wenn wir eine heiße Herdplatte berühren. Der Schmerz fungiert als sofortiger biochemischer Vermittler: Er zwingt uns, die Hand zurückzuziehen. Um erneute Schäden zu vermeiden, übernimmt anschließend die Angst. Die Angst wird zum neuen Element, das unsere Interaktion mit dem Feuer vermittelt und uns das Leben rettet. Wir unterwerfen uns dem unabänderlichen Dogma der Physik, um nicht zu sterben.

In der Sozialen Domäne kodiert unsere DNA ebenso eiserne Regeln. Auch in den Beziehungen zu unseren Mitmenschen gibt es Kräfte, die unsere Interaktionen vermitteln, und die wichtigste unter ihnen ist die Zwangsgewalt. Innerhalb eines gesunden menschlichen Ökosystems ist die Bestrafung Teil dieser natürlichen Zwangsgewalt: Sie dient dazu, Grenzen aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass Entropie (destruktives Verhalten) das System zum Einsturz bringt. Da es keine “physikalische Schwerkraft” gibt, die automatisch denjenigen zerquetscht, der stiehlt, wird die Zwangsinternaktion durch unsere Emotionen vermittelt. Diese sind keine poetischen Abstraktionen, sondern physische Reaktionen, die durch präzise Cocktails aus Hormonen und Neurotransmittern erzeugt werden. Wut, Groll und die Angst vor Isolation, ebenso wie Freude, Trost und Liebe, sind die chemischen Vermittler zwischen uns, unseren Mitmenschen und der Gemeinschaft.

Da der isolierte Mensch in der Natur dazu verdammt ist, zugrunde zu gehen, treibt uns unser genetischer Code unerbittlich zur Geselligkeit. Und er treibt uns von Natur aus an, die Gemeinschaft, der wir angehören, erbittert zu schützen, wann immer eines ihrer Mitglieder (oder das Netzwerk selbst) bedroht wird, indem die Zwangsgewalt der Gruppe gegen den Übertreter aktiviert wird.

1.1 Die wissenschaftliche Literatur: Oxytocin, Amygdala und Gruppenverteidigung

Dass die Verteidigung der Gemeinschaft ein biologischer Imperativ und kein kulturelles Konstrukt ist, wird durch die zeitgenössische Neurowissenschaft und Endokrinologie umfassend belegt. Nehmen wir den Fall von Oxytocin, das von der Popkultur lange Zeit als “Kuschelhormon” oder “Neurotransmitter der Liebe” banalisiert wurde. Die grundlegenden Studien des Neurowissenschaftlers Carsten De Dreu (2011) haben gezeigt, dass Oxytocin in Wirklichkeit das Hormon der In-Group (der eigenen Zugehörigkeitsgruppe) ist. De Dreu bewies, dass Oxytocin Vertrauen zwischen den Mitgliedern der eigenen Gemeinschaft auslöst, aber wenn die Gruppe eine externe Bedrohung wahrnimmt, fördert dasselbe Hormon defensive Aggressivität nach außen (Out-Group). Kurz gesagt: Die Biochemie befiehlt uns, die Reihen um unsere Mitmenschen zu schließen und Zwangsgewalt anzuwenden, um das Pathogen abzuwehren.

Dieser Mechanismus wird durch die Studien des berühmten Neuroendokrinologen Robert Sapolsky (Behave, 2017) bestätigt. Sapolsky veranschaulicht, wie unsere Amygdala vorverkabelt ist, um in Sekundenbruchteilen eine Unterscheidung zwischen Wir und Sie zu treffen. Wenn unsere Gemeinschaft angegriffen wird, erarbeitet unser Gehirn keine philosophischen und garantistischen Antworten: Es überflutet den Körper mit Neurotransmittern, die darauf abzielen, die Bedrohung zu neutralisieren, um das Überleben des Netzwerks zu garantieren.

Im Lichte der exakten Wissenschaft gelangen wir zu einer unausweichlichen Schlussfolgerung: Der Schutz der einzelnen menschlichen Person, die nicht Teil der Gemeinschaft ist oder diese sogar bedroht und vandalisiert, ist ein buchstäblich “unmenschlicher” Akt (entgegen der menschlichen Physiologie). Die weißen Blutkörperchen zu bremsen, die versuchen, Zwangsgewalt auszuüben, um den Organismus zu verteidigen, ist ein Missbrauch gegen unser eigenes Nervensystem.

2. Der verzerrte Einsatz von Gewalt: Der Staat gegen die Gemeinschaft

In einem natürlichen Ökosystem ist ein einzelnes Pathogen (ein Krimineller, ein Raubtier) im Vergleich zu einer zusammenhaltenden Gemeinschaft strukturell schwach. Wenn das Individuum das Netzwerk angreift, würde die Zwangsgewalt der Gruppe es im Nu neutralisieren und die Ordnung wiederherstellen. Doch an diesem Punkt in der Geschichte des Westens interveniert die Leere Maschine (der hyperbürokratisierte Staat) und vollzieht die kolossalste Operation von ingenieurtechnischer Piraterie, die jemals versucht wurde.

Durch die Ideologie der positiven Menschenrechte und die Abfassung moderner Verfassungen hat die Oligarchie den Wert der einzelnen menschlichen Person künstlich erhoben und ihn über den Wert des Netzwerks gestellt. Dieser Überhöhung folgt unerbittlich eine tödliche mechanische Umkehrung: Der Staat macht die einzelne menschliche Person (das Pathogen) stark und macht die Gemeinschaft schwach.

Wie geschieht diese Umkehrung materiell? Der Staat interveniert mit seiner eigenen immensen Zwangsgewalt (Gesetze, Polizei, Gerichte), setzt diese jedoch in die falsche Richtung ein. Anstatt das Pathogen zu zerquetschen – das allein machtlos gegen den Horizontalen Vektor wäre –, nutzt der Staat seine Zwangsgewalt, um die Reaktion der Gemeinschaft zu blockieren, sie zu entwaffnen, den Antikörper zu bestrafen und die soziale Gruppe angesichts der Anomalie zu einer unnatürlichen Unterwerfung zu zwingen.

Erklärendes Beispiel: Die U-Bahn-Mikrogemeinschaft. Stellen wir uns das temporäre Ökosystem innerhalb eines U-Bahn-Waggons vor: Die Gemeinschaft besteht aus Dutzenden von Fahrgästen und dem Zugführer. Eine organisierte Gruppe von Taschendieben steigt ein. In der Natur ist diese Handvoll Krimineller (das Pathogen) im Vergleich zur Gemeinschaft strukturell extrem schwach. Aus reinem Überlebensinstinkt müssten sie im Verborgenen agieren, terrorisiert davor, von der Menge entdeckt und physisch neutralisiert zu werden. Stattdessen agiert die Gruppe der Diebe am helllichten Tag, mit Arroganz und völliger Gelassenheit. Warum sind sie sich ihrer Straflosigkeit so sicher? Weil sie wissen, dass die Gemeinschaft wehrlos ist, blockiert durch garantistische Gesetze, die eigens geschrieben wurden, um sie schüchtern und unterwürfig zu machen. Der Kriminelle weiß ganz genau: Wenn sich die Fahrgäste zusammentun würden, um ihn mit Gewalt aufzuhalten, würde der Staat sofort mit seinen Gerichten intervenieren, um die “gewalttätigen” Bürger zu bestrafen, um die körperliche Unversehrtheit des Taschendiebs zu schützen. Die staatliche Zwangsgewalt fungiert somit als Stahlschild für das Raubtier.

Der Akademische Vergleich: Mary Ann Glendon und die Tyrannei der Rechte Die Harvard-Juristin Mary Ann Glendon (Rights Talk, 1991) analysierte dieses Phänomen scharfsinnig und prangerte an, wie der politische Diskurs des Westens durch die Obsession mit absoluten individuellen Rechten verarmt ist, wodurch das Vokabular der bürgerlichen Verantwortung und der Pflichten ausgelöscht wurde. Die Analogie: Wir beide diagnostizieren, dass der Hyper-Garantismus der Einzelperson das soziale Gefüge zerstört. Der Unterschied: Glendon ordnet es als eine “Verarmung des moralischen Diskurses” ein. Wir beweisen, dass es sich um einen biomechanischen Missbrauch handelt. Die Verfassungen zwingen uns unter der Androhung staatlicher Strafen, unsere durch Neurotransmitter vermittelten Abwehrmechanismen zu unterdrücken, und zwingen uns, Missbrauch gegen unsere eigene Natur zu erleiden.

3. Die Ingenieurskunst der Fragmentierung: Die Aufzwingung der Asozialität

Was ist der klinische Effekt dieser Zwangs-Kastration auf die Massen? Indem der Staat den Kult des Absoluten Individuums erzwingt und das Gesetz nutzt, um der Gruppe die Selbstverteidigung zu verbieten, zwingt er uns buchstäblich zur Asozialität.

Wie wir gesehen haben, wird ein Schüler, der hilflos den Übergriffen eines Mobbers in der Klasse zusehen muss – weil er weiß, dass der Staat die Unversehrtheit des Abweichlers schützt, indem er jeden bestraft, der reagiert – dazu gezwungen, sich asozial zu verhalten. Er passt sich pathologisch an und kümmert sich nur noch um seine eigenen Angelegenheiten. Die Verfassungen – die von den Medien als Triumph der menschlichen Solidarität verkauft werden – entpuppen sich in der Praxis als der stärkste Motor der Fragmentierung, der jemals erdacht wurde. Durch die Deaktivierung des Prinzips der Relationalen Realität (das biologische Recht der Gruppe, denjenigen, der Fehler begeht, durch Zwangsgewalt auszustoßen) wird das gegenseitige Vertrauen zerstört. Niemand fühlt sich mehr als Teil eines “Ganzen”, weil die Gewalt zur Verteidigung dieses Ganzen für illegal erklärt wurde.

Der Akademische Vergleich: Zygmunt Bauman und die flüssige Gesellschaft Der berühmte Soziologe Zygmunt Bauman (Liquid Modernity, 2000) hat diese Fragmentierung meisterhaft beschrieben und das Konzept der “flüssigen Gesellschaft” geprägt: eine Welt, in der sich soziale Bindungen, Institutionen und Familien aufgelöst haben und das Individuum einsam und ängstlich zurücklassen. Die Analogie: Wir teilen die klinische Beobachtung voll und ganz: Die Zwischenkörper lösen sich in einer Vielzahl von isolierten Monaden auf. Der Unterschied: Bauman führt diese “Verflüssigung” auf den ungezügelten Konsumismus zurück. Wir kehren das Paradigma um: Die Fragmentierung ist keine unglückliche kulturelle Fehlentwicklung; sie ist das Ergebnis eines chemisch-juristischen Lösungsmittels. Die Bindungen haben sich nicht von selbst aufgelöst; sie wurden systematisch von den staatlichen Gerichten durchtrennt, die ihre eigene Zwangsgewalt nutzen, um das Individuum gegen seine eigene Gemeinschaft zu bewaffnen.

4. Das ultimative Ziel: Bindungen auflösen, um die Leere zu beherrschen

Ein derart kapillares architektonisches Desaster kann nicht einfach das Ergebnis der Naivität von Juristen sein. Gesetze, die auf das absolute Individuum zentriert sind, wurden eigens geschmiedet, um soziale Bindungen zu zerschneiden.

Warum wünscht die Leere Maschine das? Das Motiv ist die absolute Kontrolle. Strukturen wie eine vereinte Familie, eine strenge Schule, eine stolze Gemeinde oder eine Nation mit festen Grenzen stellen extrem starke Horizontale Vektoren dar. Es sind Mega-Organismen, die in der Lage sind, ihre eigenen Mitglieder zu schützen und vor allem gegen die Zentralmacht zu rebellieren, indem sie ihre eigene Zwangsgewalt der des Staates entgegensetzen. Für eine extraktive Macht ist die Existenz dieser organischen Gemeinschaften ein tödliches Hindernis.

Erklärendes Beispiel: Ein Mann, der eine zusammenhaltende Familie, eine solidarische Nachbarschaft und ein starkes Identitätsgefühl hat, ist nicht leicht erpressbar. Wenn der Staat ein ungerechtes Gesetz erlässt, geht er mit seiner Gemeinschaft auf die Straße. Aber ein atomisiertes, alleinstehendes Individuum, das von der Kriminalität in seinem Viertel terrorisiert und gesetzlich dem Pathogen unterworfen ist, ist die perfekte Beute. Er ist in Bezug auf seine Sicherheit vollständig vom Staat und in Bezug auf seine primären emotionalen Bedürfnisse von multinationalen Konzernen abhängig. Seine relationalen Freiheitsgrade (NDoF) sind gleich null.

Der Akademische Vergleich: Patrick Deneen und das Scheitern des Liberalismus Der Politikwissenschaftler Patrick Deneen (Why Liberalism Failed, 2018) hat angeprangert, dass der moderne Liberalismus zu erfolgreich darin war, sein verborgenes Ziel zu verwirklichen: lokale Kulturen zu zerstören, um einen mächtigen zentralisierten Staat zu schaffen, der über einen Markt von entwurzelten Individuen herrscht. Die Analogie: Wir stimmen zu, dass extremer Individualismus und bedrückender Staatismus zwei Seiten derselben Medaille sind: Der Staat vergrößert seine eigene Macht, indem er intermediäre Gemeinschaften zerstört. Der Unterschied: Deneen formuliert eine philosophische Kritik. Wir wenden eine bio-ingenieurtechnische Metrik an: Die Oligarchie interveniert mit ihrer Zwangsgewalt zum Schutz des Pathogens, weil sie gezwungen ist, dies zu tun, um den thermodynamischen Kollaps zu vermeiden. Indem die Leere Maschine die Gemeinschaften durch die Ideologie der Menschenrechte zerbricht, senkt sie das Revolutionspotenzial (die Tensorielle Wärme, ΦHS) der organisierten Gruppen.

Fazit: Die Herrschaft über den Staub

Indem sie das Dogma der Natur (die auf Neurotransmittern basierende Zwangsgewalt der Gemeinschaft) durch das Verfassungsdogma (die Vergötterung des Individuums im luftleeren Raum) ersetzt haben, haben die Eliten ihr ultimatives Ziel erreicht.

Indem sie die Gewalt des Staates nutzen, um der Gesellschaft die Selbstverteidigung zu verbieten, haben sie jede Form der organischen Aggregation hinweggefegt und auf dem Schlachtfeld nur Staub hinterlassen: Millionen von einsamen, asozialen Individuen, die ihrer gemeinschaftlichen DNA und ihrer natürlichen Verteidiger beraubt wurden. Und ein isoliertes Individuum, das der Stärke seines Ökosystems beraubt ist, ist kein “freier und emanzipierter” Mann, wie es in den Verfassungspräambeln besungen wird. Er ist ein zerbrechliches Atom, unendlich erpressbar und der Leeren Maschine vollständig unterworfen.

Die Ideologie der Menschenrechte als das zu erkennen, was sie ist – eine bio-ingenieurtechnische Operation, die die Zwangsgewalt des Staates nutzt, um die Gemeinschaft zugunsten des einzelnen Pathogens zu entwaffnen – ist der erste und unverzichtbare Schritt, um die verlorene, granitene Solidität unserer Nationen wieder aufzubauen.

Bibliographie

  • Bauman, Z. (2000). Liquid Modernity [Flüchtige Moderne]. Cambridge: Polity Press.
  • De Dreu, C. K. W., et al. (2011). Oxytocin promotes human ethnocentrism. Proceedings of the National Academy of Sciences, 108(4), 1262-1266.
  • Deneen, P. J. (2018). Why Liberalism Failed [Warum der Liberalismus gescheitert ist]. New Haven: Yale University Press.
  • Glendon, M. A. (1991). Rights Talk: The Impoverishment of Political Discourse. New York: Free Press.
  • Sapolsky, R. M. (2017). Behave: The Biology of Humans at Our Best and Worst [Gewalt und Mitgefühl: Die Biologie des menschlichen Verhaltens]. New York: Penguin Press

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